Wie die USA die Zinskurve kontrollieren könnte

zinssenkung

In den USA wird viel darüber diskutiert, wie sich die Zinsen entwickeln und ob die Regierung Einfluss auf die Notenbank nimmt. Viele Experten erwarten, dass die Fed bald die Zinsen senkt, gleichzeitig aber die langfristigen Zinsen steigen, weil Anleger der Politik misstrauen. Auch wenn eine Zinssenkung angesichts der großen Inflationsrisiken sowie aktuell nicht angeschlagenen Rezessionsindikatoren aus geldpolitischer Perspektive alles andere als sinnvoll wäre, ist eine Evaluierung aller möglichen Szenarien von enormer Wichtigkeit. Denn trotz der objektiven Bewertung viele Ökonomen und Geldpolitiker, spielen besonders in der Legislaturperiode von Donald Trump exogene Faktoren eine Rolle.

Sollte es zu einer (durchaus bedenklichen) Umstrukturierung der Fed kommen, gibt es für diese durchaus Instrumente, die Zinskurve auch am langen Ende zu drücken. Viele Anleger unterschätzen, wie entschlossen und kreativ die Verantwortlichen in Washington handeln könnten, wenn es darum geht, die Finanzierungsbedingungen zu beeinflussen.

Zinssenkungen: Klein oder Groß?

Ein erstes Szenario ist eine deutliche Senkung der Leitzinsen. Bereits bei der Sitzung im Juli hatten zwei Fed-Mitglieder für eine Senkung plädiert, und seitdem haben sich die Arbeitsmarktdaten deutlich verschlechtert. Genau aus diesem Grund dürfte die Woche sehr prägend in Bezug auf die Geldpolitik sein- weitere Revisionen würden die Hoffnung der Märkte begünstigen. Ein Schritt von 50 Basispunkten im September wäre daher durchaus legitim- wenn auch die Inflation eine Zwickmühlen-Situation für die Fed darstellt.

Das würde Klarheit schaffen und die Debatten über „politischen Druck“ möglicherweise entschärfen, was einen zusätzlichen Aufwärtsdruck auslösen könnte. Zwar bliebe ein gewisses Misstrauen, aber ein solch deutlicher Schritt könnte die Renditen am langen Ende stärker nach unten ziehen, als viele derzeit glauben.

Zusammenarbeit von Fed und Finanzministerium

Ein zweiter Punkt ist die enge Abstimmung zwischen Fed und Regierung. Historisch hat es das schon gegeben – etwa in der Finanzkrise 2008 oder während der Corona-Pandemie. Dabei geht es nicht darum, die Unabhängigkeit der Fed abzuschaffen, sondern darum, die Wirkung von Geld- und Fiskalpolitik zu verstärken. Gerade wenn man verhindern will, dass sich die Zinsstruktur so entwickelt wie im vergangenen Jahr, liegt eine koordinierte Strategie nahe.

Operation Twist 2.0

Besonders wichtig ist das Thema Operation Twist. Heute hält die Fed einen großen Bestand an kurzlaufenden Anleihen, aber relativ wenige Langläufer. Würde sie einen Teil der kurzlaufenden Papiere verkaufen und dafür massiv Anleihen mit Laufzeiten von 20 Jahren und mehr kaufen, könnten die Renditen am langen Ende erheblich sinken. Rein rechnerisch könnte die Fed damit einen so großen Anteil dieser Anleihen aufkaufen, dass der Markt stark verknappt würde. Dadurch entstünde massiver Druck nach unten auf die langfristigen Zinsen. Auch eine Ausweitung auf Hypothekenpapiere wäre denkbar, um direkt die Baufinanzierungszinsen zu senken.

Jedoch gibt es auch hier Gesetze: Die Federal Reserve ist nämlich gesetzlich daran gebunden, Staatsanleihen nur über den offenen Markt zu kaufen und darf grundsätzlich nicht direkt von der US-Regierung Anleihen erwerben. Dies ist in 12 U.S. Code §355 und im Federal Reserve Act, Section 14 festgelegt. Direktkäufe sind nur in außergewöhnlichen Notfällen und mit Genehmigung des Fed-Vorstands für maximal 30 Tage erlaubt, wobei der Gesamtbetrag auf 5 Milliarden US-Dollar begrenzt ist. Diese Regelungen sollen verhindern, dass die Fed dauerhaft als Finanzierungsquelle für den Staat fungiert und ihre geldpolitische Unabhängigkeit verliert. 

Aber genau hier liegt der Punkt: Sollte es Donald Trump gelingen, den Fed-Vorstand zu ändern (siehe Lisa Cook), dann könnte er bei den sieben Fed-Gouverneure eine Mehrheit erlangen, die diese Sondergenehmigungen in Notfällen umsetzen könnte. Und dass Donald Trump so einiges als Notfall erklärt, ist spätestens nach seiner Dekreten kein Geheimnis mehr.

Unkonventionelle Ansätze

Darüber hinaus sich aber auch mehrere ungewöhnliche Maßnahmen denkbar:

Die Fed könnte, wie es Japan zeitweise getan hat, bestimmte Renditen direkt festschreiben und eine sogenannte Yield Curve Control (YCC) einführen. Noch vor einigen Jahren wäre dieser Gedanke undenkbar gewesen, inzwischen aber ist er durchaus vorstellbar- besonders in Bezug auf den derzeit wieder weniger diskutierten Vorschlag 100-jährige US-Staatsanleihen zu niedrigen oder fast Nullzinsen auf den Markt zu bringen.

Was derzeit noch deutlich realistischer ist, ist die Nachfrage nach Stablecoins. Denn die wachsende Bedeutung und der aktuelle Diskurs von digitalen Dollar-Stablecoins könnte alte Muster hervorrufen. Denn ähnlich wie die CBDCs in Europa- die durchaus Kapitalkontrollen bzw. Social-Credit Systeme beinhalten könnten- wäre es in USA möglich, über die digitalen Stablecoins Kapitalflüsse nachzuvollziehen und so zu beschränken.

In einem bereits jüngeren Beitrag haben wir bereits über die USA und die gewaltigen Goldreserven geschrieben, die bilanziell noch immer zu einem Preis aus den 1970er Jahren geführt werden. Würde man diese Reserven auf den aktuellen Marktpreis hochbewerten, entstünde rechnerisch ein Vermögenszuwachs in Höhe von Hunderten Milliarden Dollar. Ein solcher Schritt wäre zwar ungewöhnlich und hätte Nebenwirkungen, könnte aber Aufmerksamkeit ablenken und fiskalische Spielräume schaffen- die EZB spielt ja schon längere Zeit mit gewissen bilanziellen Bewertungsmethoden.

Sinkende Zinsen- ökonomisch stupide, technisch möglich

Schlussendlich ist zu sagen, dass praktisch alles daran hängt, inwiefern Trump die Fed umstrukturiert bekommt. Sollte er die Wirtschaftswissenschaft und die objektive geldpolitische Evaluierungsbasis verdrängen können, ist alles möglich. Und die Rede ist nicht nur von dem Leitzins, sondern ebenfalls bzw. Besonders von den marktbestimmenden langfristigen Kapitalmarktzinsen, die von enormer Wichtigkeit in Bezug auf die Schuldenquote der USA sind.

Aber was ist nun die Quintessenz der aktuellen Situation? Die Unabhängigkeit der Fed wird angegriffen und mit ihr entsteht eine fundamentale Gefahr in Bezug der Preisniveaustabilität- Inflation zieht an und geoökonomische Veränderungen bringen noch immer große Risiken. Das westliche, freiheitliche, liberale System wird von einem unternehmerischen Präsidenten planwirtschaftlich und teils sozialistisch umgestaltet. Auch wenn technische Instrumente zur Zinssenkung denkbar sind, wäre die wirtschaftliche Situation und somit auch die Vormachtstellung der USA in Zukunft in großer Gefahr.

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Foto von Oren Elbaz auf Unsplash

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